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HERRY NENTWIG DER „HÜTER DES VERLORENEN SCHATZES“

Heribert Nentwig, den meisten nur als Herry bekannt, erhielt seine erste Tätowierung im Jahr 1981 von Henk Schiffmacher in Amsterdam. Über eine Freundin im Motorradclub bekam er Kontakt zu Ralf Guttermann und erwarb seine erste Tätowier-Ausrüstung im Jahr 1983. Zwei Jahre später eröffnete er in Koblenz sein Ladengeschäft, das erste Tätowier-Studio in Rheinland/Pfalz. Auf der Convention 1986 in Dunstable knüpfte er Kontakte zu George Bone und Lal Hardy und wurde 1987 Mitglied im Bristol Tattoo Club. Ab 1987 erwarb Herry seinen Tattoo-Bedarf bei National und ist seitdem Mitglied im National Tattoo Club.
Im Jahr 1995 initiierte Ralf Guttermann in Bingen am Rhein einen Zusammenschluss für Tätowierer, um gegen Hobbytätowierer und Pfuscher vorzugehen. Man wollte „alle Profitätowierer in ein Boot holen“. Als Basis hierzu diente der bereits existierende Verein von Alf Diamond (Frankfurt) C.E.T.U.P. (Central Europes Tattoo und Piercing Experten). So wurde im Jahr 1995 der D.O.T gegründet. Zu den Gründungsmitgliedern zählten Tommy Köhler, Dieter Zalist, Hans-Joachim Monien (Hängo), Ralf Guttermann (†), Sting Lance, Monique Mataga, Michael Frey, sowie Herry Nentwig. Da bereits 1987 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in KölnKöln-Tattoos suchen eine Broschüre zur Aids Aufklärung mit dem Hinweis auf hygienemaßnahmen auch für professionelle Tätowierer hingewiesen wurde, war Nentwig bereits im Vorfeld auf dem Gebiet der hygiene tätig.
In Zusammenarbeit mit dem hygiene-Institut Gießen hat Nentwig später Richtlinien zur hygiene und Sterilisation im Tätowier-Betrieb entwickelt. Da allerdings die Politik und Regelwerke nun in Europa gemacht wurden, und nationale Vereinigungen hier kein Mitspracherecht hatten, gründete Nentwig auf der Tattoo Convention Frankfurt 2005 die UETA e.V. (United European Tattoo Assoziation), wo er 10 Jahre als 1. Vorsitzender aktiv tätig war. So kam es 2008 zur ersten Veröffentlichung der von Ihm federführend erstellten hygieneanrichtlinien beim tätowieren. Hierauf wurde dann auch die EU Kommission in Brüssel aufmerksam und kam nach Koblenz, um die Erstellung einer Norm anzuregen. Seit 2015 sitzt Herry im Nationalen Normungsausschuss als 2. Obmann bei der DIN in Berlin um die Richtlinien europaweit zu etablieren. Aufgrund seiner Ausbildung zum Pharmakanten hatte Nentwig die besten Voraussetzungen um die Rolle des hygienewartes zu übernehmen; er war über viele Jahre im Vorstand des DOT tätig und hat sich den Titel „hygienepapst“ redlich verdient; er knüpfte die Verbindungen zu Wissenschaftlern wie Prof. Wille; seiner unermüdlichen Arbeit ist es zu verdanken, dass die heutigen hygienerichtlinien in vielen Sprachen zur Verfügung stehen.

„DER ERSTE KONTAKT“
Auf der National-Convention Meadowlands 1992, die wegen des Verbotes von Tätowierern auf dem Gebiet New York in New Jersey stattfand, lernte er Horst „Samy“ Streckenbach näher kennen.
Herry: „Ich hatte Samy auf den Frankfurter Conventions öfter gesehen. Er taperte immer so rum und war eine imposante Erscheinung. Ich war jedoch noch sehr jung, und habe zu den „Größen der Zeit“ noch Abstand gehalten.“
Im gleichen Zeitraum besuchte Nentwig ein Seminar in Hannover, dass Lyle Tuttle abhielt und es kam abends an der Bar zu einem persönlichen Gespräch, aus dem sich eine jahrzehnte andauernde Freundschaft entwickelte. Sie besuchten sich gegenseitig, hielten gemeinsam Seminare ab; er tauchte immer einmal wieder unangemeldet bei Nentwig im Studio und auch bei ihm privat auf. Dass Tuttle ein uralter Freund von Samy war kam erst im Laufe der Jahre zur Sprache. Leider hatte er keinen Kontakt mehr zu Samy nachdem er seinen Laden aufgab.
Auf der Convention 1999 in Frankfurt erfuhr Tuttle, dass es seinem alten Freund Samy sehr schlecht gehe und er entschloss sich ihn zusammen mit Nentwig zu besuchen. Sie fuhren in die Kurt Schuhmacher Str. 2 und betraten das alte Studio. Dort trafen sie auf „komische junge Leute“, die ihnen lediglich mitteilten „der wohnt noch hier oben drüber“.
Sie gingen zum Hintereingang des Hauses und klingelten. Es dauerte sehr lang bis Samy an die Tür kam und noch länger, bis er begriff, wer vor der Tür stand. Erst als Tuttle ihn überzeugen konnte, dass er -sein alter Freund Lyle- da sei, öffnete Samy. Der Anblick war schockierend; eine völlig verwahrloste Person in einer unvorstellbar verdreckten Umgebung. Nentwig und Tuttle regten auf der Convention in Frankfurt eine Tombola an, mit deren Erlös sorgten sie in der Folgezeit für Sauberkeit, Kleidung und Nahrungsmittel. Dadurch kam Samy wieder in den Medien vor, wodurch auch der amtlichen Betreuer aufmerksam wurde, wen er da überhaupt betreut; die Lage für Samy verbesserte sich erheblich. Er konnte erstmals wieder das Haus verlassen und in einer Gaststätte sitzen, auch erhielt er Besuch u.a. von Brian Everett. Am 29. Juli 2001 ist Sammy Streckenbach gestorben. Die anonyme Urnenbeisetzung wurde durch Sozialamt ermöglicht. Durch widrige Umstände kam Herry mit seinem Kollegen leider zur Beisetzung zu spät am Frankfurter Zentralfriedhof an.

„DER VERLORENE SCHATZ“
Durch Zufall fiel dem amtlichen Betreuer Streckenbachs bei der Auflösung der Wohnung die Telefonnummer von Herry Nentwig in die Hände und er benachrichtigte ihn über den Tod von Samy. Herry fragte nach dem Verbleiben der persönlichen Sachen und bekam die Antwort: „Wenn Sie was heraussuchen möchten, müssen sie sich beeilen“. Herry organisierte einen Kastenwagen und fuhr nach Frankfurt. „Ich hatte nur sehr wenig Zeit. Der Keller, in dem sich die gesamte Technik / Tätowiermaschinen befanden war bereits geräumt und alles war im Müll gelandet. „Ich holte mir vom Betreuer die Genehmigung, dass ich alles was ich brauchen könnte entnehme und es in mein Eigentum übergehen würde. So konnte ich im Chaos der Wohnung einiges zusammenraffen, was mit tätowieren zu tun hatte.“ Zunächst lagerte Nentwig alles in eine Garage ein, da die Ansage der Lebensgefährtin lautete „der stinkende Mist oder ich; das kommt mir nicht in die Wohnung“. Die kläglichen Überreste des Nachlasses eines der bedeutendsten Pioniere der neueren deutschen Tattoo-Geschichte gingen auf eine kleine Odyssee. Explosion und Brand in einer Garage, Umsiedlung in die nächste Garage und weiter in den Keller von Nentwigs Einfamilienhaus.
Immer einmal wieder interessierten sich Personen für Teile des Nachlasses, Herry wollte jedoch nicht verkaufen und die Sammlung in Deutschland behalten. „Ich dachte, ich fülle damit meine Rentnerzeit, dann habe ich etwas Sinnvolles zu tun im Alter; selbst ein großzügiges Angebot von Lyle Tuttle habe ich ausgeschlagen“.
Aufgrund des Hinweises von William Robinson nahm ich Kontakt zu Herry Nentwig auf und besuchte ihn am 14. September 2018. Herry hatte einiges auf der Terrasse ausgebreitet und das Erste was mir in die Hände fiel, war ein Foto von mir selbst aus dem Jahr 1977. Wir sichteten den Bestand und stellten fest, dass doch erhebliche Schäden durch Feuchtigkeit und Lagerung entstanden waren. Zunächst war ich davon ausgegangen, einiges zu kopieren, Daten zu sammeln und ggf. einzelne Bilder / Zeichnungen / Gerät für die Ausstellung in Hamburg leihweise zu übernehmen. Im Laufe des Gespräches wurden wir uns jedoch einig, dass der gesamte Bestand für die deutsche Forschung gesichert werden sollte, bevor einzelne Teile in privaten Sammlungen oder sogar im Ausland untergehen. Nach einigen Tagen Bedenkzeit meldete sich Nentwig und teilte mir seine Bedingungen mit: Sicherung für die deutsche Forschung für Ausstellungen und Publikationen. So übernahm ich am 25. September 2018 -gegen eine „Aufwandsentschädigung“- das Konvolut und alle Verwertungsrechte.

„Wir haben es hier mit der Wiederentdeckung eines Nachlasses zu tun, der sich Jahrzehnte in einem Dornröschenschlaf befand. Wenige Personen wussten von der Existenz der Objekte. Dadurch bestand die Gefahr, dass das Konvolut komplett in Vergessenheit gerät. Oft werden derartige Sammlungen oder Teile davon nach dem Ableben von Inhabern gar entsorgt. Daher ist der Erhalt des Nachlasses von Streckenbach ein großer Glücksfall. Hinzu kommt der erfreuliche Umstand, dass er im Rahmen der Arbeit von Manfred Kohrs erfasst, katalogisiert und archiviert wird. Die gewonnenen Erkenntnisse werden später in Publikationen einfließen und somit einem breiteren Publikum zugänglich.“
Nach dem gesicherten Transport war es zunächst notwendig, die Objekte vorsichtig zu reinigen und anschließend langsam zu trockenen, um noch größere Schäden zu vermeiden. Meine erworbenen Kenntnisse aus der Hospitation und weiteren Mitarbeit im Museum für hamburgische Geschichte kommen jetzt zur Anwendung. Es gilt, alle Objekte für die dauerhafte Verwahrung, Sicherung und Erhaltung von Archivgut vorzubereiten. Erfassung und Dokumentation, teilweise Anfertigung von Kopien und Lagerung in archivgerechte Schutzverpackungen gem. ISO 16245.
Das Konvolut umfasst ca. 3.000 Bilder im DIA Format und Negative, 1.500 Papierabzüge, Skizzen, Entwürfe, Korrespondenz und Privatdokumente. Das erste Vorlagenalbum ab 1948, ein Fotoalbum (vermutlich von Hans Ulrich) und kleinere Fragmente der Technik. Ferner einen kleineren Anteil zu Thema Piercing. Alle Maschinen nebst Technik, Tattoo-Preise und Pokale etc. sind leider verloren. Es sei denn, es meldet sich jemand, der Informationen über den Verbleib von Gegenständen hat.
Diese Arbeit knüpft an aktuelle Entwicklungen an: Mit dem Forschungsprojekt „Der Nachlass des Hamburger Tätowierers Christian Warlich“ (kurz Nachlass Warlich) von Ole Wittmann wurde ein neues Interesse an der deutschen Tätowier-Geschichte geweckt. Mit dem Streckenbachnachlass wird das fortgeführt. Mein Wochenende im Oktober 2018 im Fort Notch mit Lyle Tuttle war die letzte Möglichkeit einen nahen Zeitzeugen intensiv zu befragen. Ich stehe in laufendem Kontakt mit dem US-amerikanischen Piercer und Künstler James-Mark Ward (Jim Ward). Ward gilt innerhalb der Piercing-Szene als einer der Wegbereiter und Mitbegründer des modernen Body Piercing und kannte Samy seit 1976, er „ließ sich in vielen Punkten von Samy inspirieren“.
Teile des Nachlasses Streckenbach werden in der Ausstellung Tattoo-Legenden. Christian Warlich auf St. Pauli im Museum für Hamburgische Geschichte vom 27. November 2019 bis Mai 2020 gezeigt.

(Quelle:Tattoo Kulture Magazine Nr. 33 - Juli/August 4-2019. Text Manfred Kohrs)






 

Sehr spannend, danke! Ich, Jahrgang 1983 habe die Anfänge des tätowierens nicht mehr miterlebt, trotzdem hatte es in meiner Jugend in Linz am Rhein noch bei weitem nicht die Akzeptanz die es heute hat. Ich frage mich wie die Kinder die jetzt geboren werden später darauf schauen.

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